Dialyse verhindern – oder weit nach hinten schieben

Nierenkrankheiten bei Diabetikern sind nach den Amputationen die zweithäufigste Komplikation.

Menschen mit Diabetes sollten die Risikofaktoren für das Auftreten einer Nierenkomplikation (diabetische Nephropathie) kennen.
Da der Beginn der Diabeteserkrankung beim Typ-2-Diabetes nicht eindeutig ist, wird die Fahndung nach einem Nierenschaden bei Diagnosestellung empfohlen. Bei Typ-1-Diabetikern soll 5 Jahre nach Krankheitsbeginn damit begonnen werden. Eine Nierenuntersuchung sollte dann regelmäßig einmal pro Jahr erfolgen.

Dazu notwendig ist die Urinuntersuchung auf Eiweiß („Albumin“) und die Bestimmung des Serumkreatinins im Blut. Aus der Höhe des Serumkreatinins kann heute die Nierenfunktion abgeschätzt werden, die angibt, wie hoch das Filtrationsvermögen der Niere für Schadstoffe ist. Ist die altersgemäße Filtrationsrate unterschritten, besteht eine Niereninsuffizienz. Die Niereninsuffizienz selbst kann in den ersten Stadien der Funktionseinschränkung ohne Beschwerden verlaufen, Symptome wie hoher Blutdruck oder Ödeme sind eher Spätfolgen.
Frühzeichen einer diabetischen Nephropathie ist das Auftreten einer minimalen Eiweißausscheidung im Urin („Mikroalbuminurie“). Das Ausmaß der Eiweißausscheidung und der Nierenfunktionseinschränkung ist für Menschen mit Diabetes von prognostischer Bedeutung hinsichtlich Komplikationen für Herz und Gefäße. Sie müssen dafür besonders sorgfältig überwacht werden.

Was ist am wichtigsten?

Zur Vorbeugung und Behandlung der Nierenerkrankungen bei Diabetikern sind folgende Maßnahmen unerlässlich:

1. Optimale Blutdruckbehandlung
Hierbei sind Blutdruckzielwerte von unter 130/80 mmHg anzustreben. Dieses Ziel kann je nach Alter und anderen Risikofaktoren an den jeweiligen Patienten durch den behandelnden Arzt angepasst werden. Hierfür sind oft mehr als zwei bis drei Medikamentengruppen notwendig. Der Therapieerfolg sollte mit einer 24-Stunden-Blutdruckkontrolle überprüft werden. Patienten mit fehlender nächtlicher Blutdruckabsenkung haben hohe Risiken für kardiovaskuläre Komplikationen.

2. Verbesserung der Blutzuckerkontrolle
Eine gute Blutzuckereinstellung verzögert das Auftreten der diabetischen Nephropathie und anderer diabetesbedingter Komplikationen. Dies gilt insbesondere für die frühe, intensivierte Insulintherapie bei Typ-1-Diabetikern.

3. Nikotinkarenz
Rauchen fördert das Fortschreiten der Nierenkrankheiten. Außerdem fördert es die Gefäßverkalkungen mit den Komplikationen Schlaganfall, Herzinfarkt, Durchblutungsstörungen.

Wahrscheinlich lässt sich auch die Lebensprognose nierenkranker Diabetiker durch Lebensstilveränderungen positiv beeinflussen. Hierzu gehört die Korrektur des Übergewichtes, eine regelmäßige körperliche Betätigung sowie die Reduktion des Kochsalzkonsums und die Normalisierung der Eiweißzufuhr in der Nahrung.
Mit der frühzeitigen Diagnosestellung einer Nierenkrankheit muss der Nierenarzt („Nephrologe“) in die Behandlung des Diabetikers einbezogen werden. Eine Vorstellung bei dem Nephrologen ist insbesondere notwendig bei eingeschränkter Nierenfunktion (üblicherweise Serumkreatinin über der geschlechts-spezifischen Norm), der raschen Entwicklung einer Eiweißausscheidung oder einer nicht ausreichenden Blutdruckbehandlung.

Die stadiengerechte Behandlung rettet Leben

Die Niereninsuffizienz ist insofern von Bedeutung, als diese ohne Behandlungsmaßnahmen fortschreitet und wiederum eine Reihe von Organkomplikationen bewirken kann.
Zu wenig ist bisher bekannt, dass Nierenkrankheiten bei Diabetikern nicht nur Folge des Diabetes sein können, sondern auch ausgelöst werden können durch lang bestehende Bluthochdruckerkrankung, Gefäßverkalkung oder durch Autoimmunerkrankungen. Ganz wichtig ist dass verschiedene Medikamente eine Nierenkrankheit verursachen oder fördern: Schmerz- und Rheumamittel, bestimmte Mittel zur Blutdruckbehandlung u.a. Röntgen-Kontrastmittel können bei Diabetikern mit hoher Eiweißausscheidung im Urin ein akutes Nierenversagen bewirken, wenn dem nicht vorgebeugt wird.

Empfehlungen für Diabetiker
Stadium Ziel Maßnahme
I

• HbA1c < 6,5%,

• Blutdruck unter 130/80 mmHg,

• Nikotinkarenz

•Gewichtsreduktion
• Kalorienanpassung
• Ernährungsberatung
• Kochsalzzufuhr unter 6 g pro Tag
• Raucherentwöhnung
• 3 x 30 Minuten Sport pro Woche
II • Verhinderung des Fortschreitens der Nierenkrankheit

• Erstvorstellung beim Nephrologen
• ggf. spezifische Therapie der Nierenkrankheit,
• strenge Blutdruckkontrolle
• ggf. spezielle Diätberatung
• Internistisch-kardiologische Abklärung;
• ggf. medikamentöse Behandlung bei Risikokonstellation
• Verhinderung von Herzinfarkt und Schlaganfall

III • Vermeidung von Komplikationen der Niereninsuffizienz • Vorstellung beim Nephrologen alle 3 bis 6 Monate
• spezielle medikamentöse Therapie
• Vermeidung von Maßnahmen, die die Nierenfunktion verschlechtern können
IV • Vermeidung einer verspäteten Nierenersatztherapie • Aufklärung über die Nierenersatztherapie
• ggf. Gefäßoperation
• Vorbereitung Nierentransplantation, Lebendspende
V • Verbesserung des Überlebens im Dialysestadium • Bauchfellkatheteranlage
• rechtzeitiger Dialysebeginn
• Nieren-(Pankreas-)Transplantation

Schreitet eine Proteinurie oder die Niereninsuffizienz rasch fort, muss überprüft werden, ob andere Nierenerkrankungen vorliegen. In fortgeschrittenen Stadien der Nierenerkrankung müssen Sekundärkomplikationen der Niereninsuffizienz behandelt werden: Dazu gehört die Behandlung von Störungen des Salz- und Säure-Basen-Haushaltes, des Knochenstoffwechsels, die Behandlung von Fettstoffwechselstörungen und die Therapie der Anämie mit einem Blutbildungshormon.

Infos über Nierenersatz

Im fortgeschrittenen Stadium der Nierenerkrankung muss eine rechtzeitige Aufklärung über die Optionen der Nierenersatzbehandlung erfolgen. Je nach Erkrankungsausmaß und persönlicher Neigung kommen für Diabetiker beide Dialyseverfahren in Frage: die Blutwäsche („Hämodialyse“) und die Behandlung über das Bauchfell („Peritonealdialyse“). Diabetiker aller Altersstufen profitieren hinsichtlich ihrer Lebenserwartung von einer frühzeitigen Nierentransplantation. Die Vorbereitung für alle Nierenersatzverfahren muss rechtzeitig erfolge.

DialyseDie richtige Ernährung

Für Diabetiker, die zusätzlich eine Nierenerkrankung haben, ist es je nach Stadium der Erkrankung ganz entscheidend, verschiedene Punkte in der Ernährung zu beachten; sie tragen entscheidend dazu bei, das Fortschreiten der Nierenerkrankung zu vermeiden oder hinauszuzögern.
Integraler Bestandteil einer jeden Diabetestherapie ist eine Anpassung der Ernährung an die spezifischen Bedürfnisse des Diabetes. Ähnliches gilt auch für Patienten mit chronischer Nierenerkrankung, bei denen stadienspezifisch unterschiedliche Ernährungsprinzipien gelten.
Das Stadium entscheidet

  • Ernährungsempfehlungen für Typ-2-Diabetiker ohne Nierenerkrankung zielen hin auf eine möglichst optimale Stoffwechseleinstellung ohne Auftreten von Über- oder Unterzuckerung, bei Übergewicht auf einen gezielten Gewichtsverlust bei gleichzeitiger Senkung der Blutfettwerte und auf eine möglichst gute Blutdruckeinstellung.
  • Ziel der Ernährungsempfehlungen für Diabetiker mit chronischer Nierenerkrankung im Stadium 1 bis 3 ist neben den diabetesspezifischen Zielen das Verhindern oder Verzögern des weiteren Verlustes der Nierenfunktion. Erreicht werden kann das durch eine gezielte Einschränkung der Eiweißzufuhr und eine sehr genaue Blutdruckeinstellung in Verbindung mit spezifischen Medikamenten.
  • Bei Diabetikern mit weiter fortgeschrittener Niereninsuffizienz im Stadium 4 bis 5 treten dann neue Behandlungsziele in den Vordergrund: Von außerordentlicher Bedeutung ist es nun, das Fortschreiten der bestehenden Gefäßschäden am Herzen, im Hirn und an den Extremitäten aufzuhalten. Gleichzeitig soll der Ernährungszustand stabilisiert sowie eine zunehmende Überwässerung und Übersäuerung des Körpers verhindert werden.

Zusammenfassung

Nierenerkrankungen bei Diabetikern sind eine häufige Komplikation. Diabetiker mit Proteinurie und Niereninsuffizienz haben hohe Risiken für kardiovaskuläre Erkrankungen und für einen Tod durch Herz-Kreislauf-Komplikationen. Bei Auftreten von Nierenschäden muss der Nephrologe frühzeitig in das Behandlungskonzept eingebunden werden. Die stadiengerechte Behandlung verzögert den Verlauf der Nierenerkrankung bis zur Dialyse und verringert die Sterblichkeit an der Dialyse in den ersten Behandlungsjahren. Die Sterblichkeit von Diabetikern an der Dialyse entspricht im ungünstigsten Fall dem raschen Verlauf eines unbehandelten Krebsleidens. Die frühzeitige Nierentransplantation ist für Diabetiker aller Altersklassen lebensverlängernd. Optimale Blutdruck- und Blutzuckerbehandlungen und Nikotinkarenz sind entscheidende Faktoren für die Beeinflussung des Verlaufs der Nierenkrankheit beim Diabetiker

Quelle: Diabetes Journal 5/2007: Wenn der Diabetes an die Nieren geht
Prof. Martin K. Kuhlmann, Prof. Wolfgang Pommer
Bearbeitet von Danièle Rasqué
 

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