Augen auf beim Lebensmittelkauf

Wird es bald keine Diabetiker-Schokolade und Spezialprodukte für Diabetiker mehr geben? Was ist dabei in der Ernährungsberatung wichtig? Dr. Heike Raab aus Frankfurt gibt nützliche Tipps und verabschiedet die Diabetiker-Schokolade ganz offiziell mit einem Nachruf.

Spezielle diätetische Lebensmittel für Menschen mit Diabetes sind nach derzeitigem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht mehr notwendig, so der Ausschuss Ernährung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) in seiner Stellungnahme im November 2007. Dies ist jedoch keine neue Forderung. Bereits seit Jahren weisen die Fachgesellschaften (DDG, EASD – European Association for the Study of Diabetes) darauf hin, dass sich für die Empfehlung zum Verzehr spezieller Diabetiker- oder Diätprodukte keine Begründungen finden. Als Süßungsmittel werden in diesen Produkten Fruktose und Zuckeraustauschstoffe (Sorbit, Isomalt, Maltit, Xylit…) empfohlen. Diese werden vom Organismus insulinunabhängig verstoffwechselt und führen nur zu einer geringen Erhöhung der Blutglukosekonzentration.

Confiture pour diabétiques Diabetiker-Lebensmittel bringen keinen Nutzen

Etwa 90 Prozent aller Diabetiker leiden an einem Typ-2-, nur etwa fünf bis zehn Prozent an Typ-1-Diabetes. Geschätzte 80 Prozent der Typ-2-Diabetiker sind gleichzeitig übergewichtig oder sogar adipös. Deren Therapieziel ist nicht nur die Optimierung der Blutzuckerwerte. Vielmehr steht die Gewichtsreduktion mit einhergehender Lebensstiländerung wie mehr Bewegung klar an erster Stelle. Ernährungsempfehlungen sind hier: eine reduzierte Energiemenge, niedriger Konsum gesättigter Fette, kohlenhydratreiche Lebensmittel mit einem niedrigen glykämischen Index. Dazu gehört ein erhöhter Ballaststoffverzehr durch ballaststoffreiche Gemüse, Hülsenfrüchte und frisches Obst. Eine moderate Aufnahme von freiem Zucker bis zu 10 Prozent der Gesamtenergie täglich und verpackt in Lebensmitteln ist möglich. Demnach sind also auch für Typ-2-Diabetiker diese Lebensmittel unnötig.

Spezielle Lebensmittel für Menschen mit Diabetes machen keinen Sinn......höchstens einen dicken Bauch.

Wo Diät draufsteht, …

…ist nicht gleichzeitig ein kalorienarmes Lebensmittel drin! Obwohl dies vom Verbraucher in der Praxis gerne gleichgesetzt wird. Das Wort „Diät“ stammt vom griechischen „diaita“ ab, einem Begriff, den schon Hippokrates verwendete. Er bedeutet wörtlich übersetzt „gesunde Lebensweise“. In unserem Sprachgebrauch wird der Begriff „Diät“ jedoch meistens mit Abnehmen gleichgesetzt. Es ist deshalb ein falscher ernährungsmedizinischer Ansatz zu glauben, dass Diabetiker von speziellen Diät- bzw. Diabetiker-Lebensmitteln profitieren. Ein Blick auf die Lebensmittelverpackung – (siehe Tabelle mit Vergleich von Diät-Vollmilch- und Vollmilchschokolade) – zeigt, warum.

Nährwertanganbe von Diätvollmilchschokolade und Vollmilchschokolade
  100g Diät-Vollmilch-Schokolade 100g Vollmilc
 kcal / KJ 445 / 1846 542 / 2269 
 Protein in g 9.3 8.0
 Verdauliche Kohlenhydrate in g 45.3 55.0
                 davon Zucker in g  11.27  53.31
 Fett in g 31.4 32 
 BE (Broteinheiten) 3.7 4.5
 KE (Kohlenhydrateinheiten)  4.5  5.5


Laut Diätverordnung können bei diätetischen Lebensmitteln die Broteinheiten (BE) angegeben werden. „Als Broteinheit (BE) gilt eine Menge von insgesamt 12 Gramm an Monosacchariden, verdaulichen Oligo- und Polysacchariden sowie Sorbit und Xylit“, für die KE gilt eine Menge von 10 Gramm. Dies bedeutet, dass Zuckeraustauschstoffe – obwohl sie nur zu einer geringen Erhöhung der Blutglukosekonzentration führen – voll als BE/KE berechnet werden.

lecture dBedeutung für die Praxis?

Ein Mensch mit Typ-1-Diabetes möchte eine Tafel Diät-Schokolade essen. Er verlässt sich auf die BE-Angabe und spritzt für die angegebenen 3,7 BE Insulin. Tatsächlich hat die Diät-Schokolade aber nur 11,27 g Zucker, also knapp 1 BE, die restlichen Kohlenhydrate sind Zuckeraustauschstoffe. Eine Hypoglykämie ist somit vorprogrammiert. Typ-1-Diabetiker sollten also lieber zu einer normalen Schokolade greifen, diese nach ihrem Kohlenhydratgehalt berechnen und entsprechend Insulin spritzen. Auch ein Typ-2-Diabetiker profitiert nicht von einer Diät-Schokolade. Zwar hat sie etwas weniger Kalorien, da die Zuckeraustauschstoffe mit 2,4 kcal je Gramm berechnet werden. Ihr Fettgehalt unterscheidet sich jedoch nicht von einer normalen Schokolade. Zudem ist als Süßungsmittel oft Fruktose enthalten. Auch hier gilt: Wenn Schokolade oder Süßigkeiten, dann normale Produkte und diese als Genussmittel, also in Maßen. Die Gewichtsreduktion steht nach wie vor im Vordergrund.

Achtung Fruktose!

Fruktose galt lange Zeit als nützlicher Ersatzstoff für Saccharose und Glukose. Allerdings zeigen immer mehr aktuelle Studien, dass die vermehrte Aufnahme von Fruktose über industriell gefertigte Lebensmittel ungünstige Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben kann. Mit einer Ernährung, wie sie den aktuellen Empfehlungen entspricht, werden etwa 30 g Fruktose täglich verzehrt. Kommen zusätzlich mit Fruktose gesüßte Getränke oder Diät-Süßigkeiten dazu, können Mengen von 140 g Fruktose am Tag locker erreicht werden. Die Aufnahme größerer Fruktosemengen kann jedoch das Auftreten von Adipositas begünstigen. Auch die Entstehung eines Metabolischen Syndroms wird durch Fruktose gefördert, da sie zu einer Insulinresistenz, einer Hypertriglyzeridämie sowie einer Hyperurikämie beitragen kann.

Wie beraten?

Da immer noch knapp die Hälfte aller Diabetiker regelmäßig zu speziellen Diabetiker-Lebensmitteln greifen, ist eine gute Schulung sowie angemessene Information der Patienten über die Inhaltsstoffe der Lebensmittel absolut notwendig. Zur Verdeutlichung sollten gemeinsam mit den Betroffenen Diät- bzw. Diabetiker-Lebensmittel mit herkömmlich gesüßten verglichen werden. Auch der gemeinsame Besuch eines Supermarktes bietet eine gute Möglichkeit.

Bei der Schulung ist eine angemessene Information der Patienten über die Inhaltsstoffe der Lebensmittel notwendig.

Die wichtigste Botschaft lautet: Menschen mit Diabetes brauchen keine speziellen Diabetiker-Lebensmittel. Es gelten für sie die gleichen Ernährungsempfehlungen wie für die Allgemeinbevölkerung.

 


Liebe Diabetiker-Schokolade,
lange Zeit warst Du meine treue Begleiterin.

Obwohl ich jedes Mal aufs Neue versucht habe, mich an Deinen Geschmack zu gewöhnen, fandest Du den Weg in meinen Bauch. Du bist ja eine ganz schön Süße.

Teilweise musste ich Dich komplett aufessen – immer auf der Suche nach dem Geschmack, den ich dann doch nicht fand.

Außerdem hast Du mir regelmäßig zu ordentlichen Blähungen verholfen, was auch nicht immer schön war.

chocolat pour diabétiques Außerdem dachte ich, dass Du mir hilfst, meinen Pfunden zu Leibe zu rücken. Immerhin bist Du ja eine Diät-Schokolade. Deshalb habe ich Dich gleich öfter gegessen – viel hilft ja bekanntlich viel. Du hast mir dann auch bei meinen Pfunden geholfen, allerdings nicht so, wie ich mir das gewünscht habe. Statt weniger wurden es mehr.

Deshalb habe ich beschlossen, mich von Dir zu trennen.

Ich werde nun – wenn ich Lust auf Schokolade habe – eine ganz normale essen.

Machs gut!


Zusammengestellt aus Diabetes Forum 5/2010
Dr. oec. troph. Heike Raab
Krankenhaus Sachsenhausen
 

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