Insulinpumpentherapie: Wie geht das? Für wen geeignet?

Insulinpumpe ist meist nicht „Liebe auf den ersten Blick“. Aber fast jeder Mensch mit Typ-1-Diabetes kennt jemanden, der „seine“ Pumpe nicht mehr hergeben möchte.

Die Insulinpumpentherapie wirkt sich positiv auf die Diabeteseinstellung und auf die Verringerung diabetischer Folgeerkrankungen aus – das zeigten große Untersuchungen (DCCT-Studie). Durch die technische Weiterentwicklung der Insulinpumpe und die heutige Möglichkeit der Kopplung der Pumpe mit den von Glukosesensoren gemessenen Blutzuckerwerten, ist eine sehr hohe Therapiesicherheit erreicht worden: Mögliche Komplikationen, wie Unterzuckerungen und „Ketoazidose“, also gefährliche Blutzuckererhöhung durch Insulinmangel, konnten minimiert werden.

Ein wichtiges Therapieziel ist eine gute Lebensqualität. Wichtig hierbei ist die Freizügigkeit der Ernährung in einer gewünschten Menge, andererseits wünscht man sich auch bei körperlicher Bewegung und Sport eine stabile Stoffwechselführung.

In der Regel ist das durch eine intensivierte Insulintherapie (ICT) möglich: Hier deckt man die Grundversorgung mit einem Basisinsulin ab, zu den Mahlzeiten gibt man dann kurzwirksames Insulin hinzu – abhängig davon, wie groß die Kohlenhydratmenge ist und wie der Blutzucker liegt. Je besser sich die Basisversorgung von der Mahlzeitenversorgung trennen lässt, desto stabiler ist die Blutzuckereinstellung. Eine intensivierte Insulintherapie kommt diesem Anspruch nahe, erfüllt ihn aber nicht 100prozentig: Denn alle Insuline haben ihre eigenen Wirkverläufe, und diese können nach der Injektion auch nicht mehr verändert werden. Dies sieht bei der Insulinpumpe ganz anders aus.

Eine Insulinpumpe ermöglicht die nahezu komplette Trennung zwischen der Mahlzeiteninsulingabe und der Basisversorgung.

Dies liegt daran, dass die Insulinpumpe ausschließlich mit kurzwirksamem Insulin betrieben wird. Dabei wird der Pumpe durch Programmierung vorgegeben, wieviel Insulin als Basisversorgung kontinuierlich unter die Haut gepumpt wird. ( Basalrate). Bedarfsgerecht kann die Basalrate zeitweilig erniedrigt oder erhöht werden. Zu den Mahlzeiten kann der Insulinpumpennutzer dann eine beliebige Menge kurzwirksamen Insulins abrufen; man spricht hier vom Mahlzeitenbolus.

Insulinpumpen von heute sind klein (Grösse einer Zigarettenschachtel ), wiegen ca. 100g, sind einfach zu bedienen, dosiergenau und haben eine stabile Elektronik. Das Insulin wird zugeführt über Kunststoffkatheter mit Metall- oder Teflonkanüle (=Nadel); die Kanüle wird ins subkutane Fettgewebe gelegt und mit einem Pflaster befestigt. Die Nadel muss alle ein bis drei Tage gewechselt werden. Die Pumpe ersetzt nicht die Blutzuckermessung oder gar die Überlegung, wie viel Insulin verabreicht werden muss. Im Gegenteil: Patienten mit einer Insulinpumpe müssen besonders zuverlässig den Blutzucker messen und sehr gut geschult sein.

Die gleichmäßige Aufnahme des schnellwirkenden Insulins führt zu deutlich stabileren Blutzuckertagesprofilen, das kommt vor allem Menschen mit stark schwankenden Blutzuckerwerten und häufigen Hypoglykämien zugute. Die Basalrate ist in Intervallen programmierbar (stündlich/halbstündlich); dadurch wird die natürliche Insulinsekretion besser nachgeahmt. Bei passender Basalrate können Mahlzeiten zeitlich flexibel eingenommen werden oder ganz entfallen, wie zum Beispiel beim Ausschlafen am Wochenende.

Risiko Insulinmangel!

Bei Unterbrechung der Insulinzufuhr, zum Beispiel durch Katheterverschluss oder das Herausrutschen des mit einem Pflaster fixierten Katheters aus der Haut, kann bei Verwendung schnellwirkender Insulinanaloga bereits nach zwei Stunden ein absoluter Insulinmangel mit folgender ketoazidotischer Entgleisung auftreten.

In Studien wird für die Insulinpumpentherapie außerdem eine Gewichtszunahme von durchschnittlich 3kg dokumentiert. Hautirritationen, Infektionen und Allergien treten als Komplikationen auf, sind aber durch Weiterentwicklungen der Kathetermaterialien seltener geworden.

Ob das Tragen der Pumpe den Alltag beeinträchtigt muss jeder selbst beantworten. Einige Menschen mit Diabetes schätzen ihre Lebensqualität durch die Pumpentherapie als verbessert andere lehnen die Pumpentherapie kategorisch ab. Hinzufügen muss man , dass die Kosten der Insulinpumpentherapie deutlich höher liegen als mit ICT.

Ist eine Pumpe geeignet für mich?

Nicht für jeden Typ-1-Diabetiker ist die Pumpe geeignet oder notwendig. In folgenden Situationen ist eine Therapie mit einer Insulinpumpe bei Menschen mit Typ-1-Diabetes aber möglicherweise besonders sinnvoll:

  1. Dawn-Phänomen. Lässt sich durch späte Injektion von Basal-Insulin der morgendliche Blutzuckeranstieg (Dawn-Phänomen) nicht begrenzen, sollte auf eine Insulinpumpentherapie umgestellt werden.
  2. Unregelmäßiger Tagesablauf. Auch bei Schichtarbeit oder unregelmäßigen Tagesabläufen und Essenszeiten kann oft nur durch Insulinpumpentherapie eine normnahe Blutzuckereinstellung erreicht werden. Bei Schichtarbeit können für jede Schicht spezifische Basalraten eingegeben werden.
  3. Unzureichende Blutzuckereinstellung mit ICT. Grundsätzlich ist bei allen Betroffenen, die trotz guter Mitarbeit mit der ICT unzureichend eingestellt sind, eine Insulinpumpentherapie sinnvoll. Allerdings sollen wichtige Ursachen für schwankende Blutzuckerwerte ausgeschlossen sein.
  4. Hypoglykämien. Diabetiker mit häufigen Unterzuckerungen, vor allem bei Langzeitdiabetes, geringem Insulinbedarf oder schlanke Patienten, profitieren von einer Insulinpumpentherapie. Allerdings gilt auch hier, dass zunächst Ursachen für wiederkehrende Hypoglykämien abgeklärt und behandelt werden müssen. Bei Patienten mit unzureichender Wahrnehmung der Unterzuckerungen sollte zunächst ein Hypoglykämie-Wahrnehmungstraining durchgeführt werden.
  5. Stoffwechselnormalisierung bei Schwangerschaftswunsch. Frauen mit Typ-1-Diabetes und Schwangerschaftswunsch, die mit ICT bereits vor der Schwangerschaft ein Dawn-Phänomen aufweisen, zu Hypoglykämien neigen oder eine labile Blutzuckerstoffwechsellage haben, sollten auf eine Insulinpumpentherapie umgestellt werden. Die Schulung und das Training mit der Insulinpumpe sollten mindestens drei Monate vor dem gewünschten Konzeptionstermin abgeschlossen sein.
  6. Kinder und Jugendliche profitieren besonders von der Insulinpumpentherapie. Gerade die Hauptprobleme der Insulintherapie beim (Klein-)Kind prädestinieren diese Gruppe von Betroffenen für die Insulinpumpentherapie: langer Nachtschlaf, höhere Insulinempfindlichkeit, ungeplante Aktivitäten, häufige Infekte mit gesteigertem Basalinsulinbedarf, kleines Areal zur Insulininjektion. So gibt es keine untere Altersgrenze für die Insulinpumpentherapie.

Wann ist eine Insulinpumpe nicht geeignet?

Wichtige Voraussetzung für den Beginn einer Insulinpumpentherapie ist das Beherrschen der ICT, da bei einem Pumpendefekt jederzeit von Insulinpumpentherapie auf ICT gewechselt und diese dann beherrscht werden muss. Bei Vorliegen der folgenden Kriterien ist eine Pumpentherapie nicht sinnvoll: mangelnde intellektuelle Fähigkeiten, fehlende Mitarbeit, beispielsweise unzureichende Blutzucker-Dokumentation, fehlende Motivation, fehlendes Beherrschen der ICT, psychische Labilität, Abhängigkeitserkrankungen.

Ist man nicht ganz sicher, ob eine Insulinpumpentherapie für einen geeignet ist, gibt es auch die Möglichkeit, die Pumpe zunächst probeweise zu tragen. Oft schon wurde so aus einer kurzen Probephase eine „Freundschaft fürs Leben“.

Zusammengestellt von Danièle Rasqué-Besch

Quellen:
Diabetes-Journal Heft 10, 2007 Jahrgang 56
Autor: PD Dr. Michael Hummel, Prof. Dr. Oliver Schnell
Diabetes-Journal Heft 10, 2006 Jahrgang 55
Autor: Prof. Dr. med. Thomas Haak
 

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