Wenn Diabetiker krank werden

Diabetiker mit Insulinbehandlung

"Vor drei Tagen hat es Ursula «erwischt». Mit hohem Fieber, starken Halsschmerzen und bleierner Müdigkeit war an den Besuch der Schule nicht zu denken. Das Schlucken war derart schmerzhaft, dass sie nichts mehr zu essen wagte. Ursula hat deshalb (!?) nur ein Drittel ihrer üblichen Insulindosis gespritzt. Auch war sie zu müde, weitere Blutzucker-Selbstkontrollen durchzuführen. Obwohl sie wegen ihrer Angina Antibiotika bekommen hat, ging es ihr am dritten Krankheitstag bedeutend schlechter. Neu waren Übelkeit, Bauchschmerzen und starker Durst aufgetreten. Zudem hatte Ursula unerklärliche Atemnot, obwohl sie ja eigentlich ruhig im Bett lag. Die besorgte Mutter bat den Hausarzt um einen Besuch. Eine Hospitalisation liess sich nicht umgehen. Diagnose: diabetische Ketoazidose. Ursulas Spitalaufenthalt wäre natürlich zu vermeiden gewesen. Sie hat eindeutig falsch reagiert. Weshalb?"

Krankheit bedeutet Stress

Im Alltag spricht man von Stress, wenn man an unerledigte Arbeit denkt oder an Arbeit, die man nur ungern verrichtet. Für unseren Körper bedeutet dies aber nur selten «echten» Stress. Er rebelliert nur bei sehr intensiver psychischer Belastung, etwa beim Tod naher Angehöriger oder bei Kündigung der Arbeitsstelle. Echte Stressreaktionen treten aber auch auf, wenn wir krank werden oder bei Unfällen und Operationen. An dieser Reaktion mitbeteiligt sind unter anderem die uns gut bekannten Hormone Adrenalin und Cortison. Die Konsequenz ist klar: Bei Krankheit ist der Insulinbedarf meist deutlich erhöht!

Insulin brauchen wir auch zum Leben

Die Meinung, Insulin brauche es nur zum Essen, Insulin sei sozusagen ein Verdauungshormon, ist grundsätzlich falsch. Fast die Hälfte unseres Tagesbedarfs an Insulin produzieren (oder spritzen) wir «zum Leben». Dieses Insulin hat in erster Linie die Aufgabe, unsere körpereigene Zuckerproduktion zu regeln. Ohne Insulin würde unsere Leber viel zu viel eigenen Zucker herstellen und den Organismus damit überschwemmen und belasten. Dass nur gerade soviel Zucker produziert wird wie nötig, dafür sorgt das Insulin. Somit ist eine weitere Konsequenz klar: Auch in gesunden Tagen muss jeder Diabetiker immer und ausnahmslos mindestens die Hälfte der üblichen Insulindosis spritzen, auch wenn er während des ganzen Tages überhaupt nichts isst.

Zusammengefasst :

  1. Die eine Hälfte des Insulins spritze ich zum Leben.
  2. Die andere Hälfte, welche ich sonst fürs Essen brauche, «frisst» die Krankheit (die Operation, der Stress) – nicht selten sogar deutlich mehr. Also:
  3. Wenn ich krank bin, spritze ich mindestens soviel Insulin wie üblich, auch wenn ich nichts esse.

Selbstkontrolle bei Krankheit

Wir wissen nun bereits: Hätte Ursula mehr Insulin gespritzt, wäre die Entgleisung ihres Stoffwechsels zu vermeiden gewesen. Dass sie ihre falsche Einschätzung des Insulinbedarfs nicht nachträglich korrigieren konnte, hat mit einem zweiten Fehler zu tun: Ursula fühlte sich zu müde, um Selbstkontrollen durchzuführen!

Natürlich ist es unangenehm, sich gerade dann kontrollieren zu müssen, wenn man einfach schlafen möchte. Gerade im Krankheitsfall sind die Selbstkontrollen indes unerlässlich, weil der Insulinbedarf schnell und ausgeprägt ändern kann. Oft ist es sogar nötig, Kontrollen häufiger als üblich durchzuführen, z.B. alle zwei bis drei Stunden, um die Insulindosis rechtzeitig anpassen zu können. Mit ihrem Arzt sollten sie ein individuelles Korrekturschema ausarbeiten, um hohe Blutzuckerwerte korrigieren zu können.

Azeton bedeutet Insulinmangel

Bei Krankheit kann es aber auch nötig werden, zusätzlich den Urin zu testen. Dabei interessiert nicht der Zuckergehalt. Dieser ist bei hohem Blutzucker natürlich ebenfalls hoch. Wir messen das Azeton oder die sogenannten Ketonkörper. Das Azeton ist ein Abbauprodukt der Fettverbrennung. Wir kennen es in erster Linie vom Fasten – wenn wir gewollt überflüssiges Fett verbrennen –, und vom Ausdauersport – wenn die Zuckerspeicher bereits entleert sind und der Körper die Fettreserven anzapfen muss. Man könnte in diesen Fällen vom «Hungerazeton» sprechen.

Ganz anders sieht es im Krankheitsfall aus. Tritt hier Azeton auf, beruht die Fettverbrennung auf einem Insulinmangel. Das «Krankheitsazeton» überschwemmt den Körper in grossen Mengen. Er wird geradezu davon vergiftet und übersäuert. Wegen des hohen Azetonspiegels hat Ursula Übelkeit und Bauchschmerzen bekommen; wegen der Übersäuerung, gegen die sich der Körper wehren wollte, wurde ihre Atmung schwer und tief.

Eine komplizierte Sache einfach zusammengefasst:

  1. Hungerazeton bedeutet Zuckermangel; Krankheitsazeton bedeutet Insulinmangel.
  2. Zuviel Ketonkörper vergiften den Organismus und machen ihn «sauer». Es tritt eine lebensgefährliche Ketoazidose auf. Also:
  3. Zur Vorbeugung einer Ketoazidose braucht es viel Insulin. Bei?positivem Azetonbefund im Urin muss die doppelte Korrekturdosis gespritzt werden!

Die Ausnahme von der Regel

Eine einzige Krankheitssituation existiert, bei welcher wir mit dem Insulin vorsichtig dosieren müssen: der akute Brechdurchfall. Aus voller Gesundheit heraus und ohne Fieber (!) wird es uns plötzlich schlecht. Wir erbrechen wiederholt und haben meist gleichzeitig wässrigen Durchfall. Hier kann es vorkommen, dass sogar eine Neigung zu Hypoglykämien besteht. Entsprechend werden wir das Insulin vorsichtig und (vorerst) niedrig dosieren. Ist eine Unterzuckerung bereits vorhanden, ist als Zuckerquelle das schluckweise Trinken von (normalem!) Coca-Cola oft am bekömmlichsten.

Diabetiker, welche kein Insulin spritzen

"Frau Huber ist krank, Gliederschmerzen, Fieber und ein lästiger Reizhusten haben sie gepackt. Etwas unsicher ist sie schon wegen ihres Diabetes. Darf sie mit den Kontrollen einige Tage aussetzen, weil sie so müde ist? Was soll sie tun mit den Tabletten, welche sie normalerweise einnimmt? Was soll sie zu sich nehmen, wenn es ihr nicht ums Essen ist? Darf sie das Essen einfach weglassen??Ihr Hausarzt lässt sich zuerst noch einmal die Beschwerden schildern. Er will sicher sein, dass die Symptome zur Grippe passen, welche zur Zeit im Dorf grassiert. Anschliessend gibt er ihr bereitwillig Auskunft auf ihre wichtigen Fragen. Beiläufig erwähnt er auch, dass die Anfälligkeit, an einer Grippe zu erkranken, bei Diabetikern keineswegs erhöht ist. Eine besondere Anfälligkeit besteht beim Diabetes nur für bestimmte Infekte wie Blasenentzündungen, Scheidenpilze und Infektionen von Haut und Schleimhäuten. Und auch dies fast ausschliesslich nur dann, wenn der Diabetes nicht unter Kontrolle ist."

Der Einfluss der Krankheit auf den Diabetes fassen wir, wie zuvor beschrieben, zusammen: Krankheit bedeutet Stress - Stress erhöht den Insulinbedarf.
Also: Auch wenn ich nicht esse, darf ich meine Behandlung des Diabetes nicht einfach unterbrechen, wenn ich krank bin!

Selbstkontrolle

Es ist begreiflich, dass Frau Huber während der Grippe, welche sie schwächt, am liebsten einfach im Bett liegen würde. Gerade jetzt sind die Selbstkontrollen aber unerlässlich, weil wir im Einzelfall ja nie wissen, wie gross die Auswirkung der Krankheit auf den Zuckerstoffwechsel ist. Eventuell müssen die Kontrollen sogar intensiviert werden.

Tablettenbehandlung bei Krankheit

Von den Sulfonylharnstoffen (Daonil, Euglucon, Diamicron, Amaryl, Glibenese, etc.) wissen wir, dass sie die Freisetzung des Insulins aus der Bauchspeicheldrüse erleichtern. Wenn wir diese Tabletten einnehmen, steht uns also mehr Insulin zur Verfügung. Daraus lässt sich einfach ableiten, dass die Tabletten auch im Krankheitsfall weiter eingenommen werden sollten, insbesondere dann, wenn Blut- oder Urinzuckerkontrollen erhöhte Werte anzeigen. Vielleicht muss die Dosis des Medikaments – nach Rücksprache mit dem Arzt – sogar vorübergehend erhöht werden.

Etwas komplizierter ist die Situation bei Diabetikern, welche mit Biguaniden (Glucophage) behandelt sind. Im Normalfall wirken Biguanide zuverlässig und sicher. In seltenen Fällen, wie zum Beispiel bei einer schwereren Erkrankung, kann es zu einer Anreicherung von Milchsäure im Blut und selten sogar zu einer lebensgefährlichen Übersäuerung des Blutes kommen. Mit Biguaniden behandelte Diabetiker sollten deshalb mit ihrem behandelnden Arzt Rücksprache nehmen, wenn sie krank sind. Im Zweifelsfall: Absetzen der Medikamente während einer Krankheit!

Manchmal kann es sein, dass der Blutzucker mit Tabletten nicht mehr genügend unter Kontrolle gehalten werden kann. Dann kann mit einer vorübergehenden Insulintherapie der Stoffwechsel vor einer gefährlichen Entgleisung bewahrt werden.

Ernährung bei Krankheit

Das Wichtigste vorweg: Zwingen Sie sich nicht zum Essen, wenn Sie keinen Appetit haben!

Durch die Fieber verlieren Sie aber viel zusätzliche Flüssigkeit. Achten Sie deshalb darauf, dass Sie besonders im Krankheitsfall eher etwas «über den Durst» hinaus trinken. Jede erdenkliche Teemischung, durchaus auch etwas mit Zucker gesüsst, ist dazu gut. Bei Übelkeit und Erbrechen hat sich zudem Coca-Cola, schluckweise getrunken, als recht günstig erwiesen. Zur besseren Bekömmlichkeit kann die Kohlensäure herausgeschüttelt werden.Bei intensivem, anhaltendem Schwitzen, wiederholtem Erbrechen oder Durchfall geht auch zu viel Salz verloren. Dieses kann ersetzt werden durch leichtes Salzen des Tees, durch Trinken von fettfreier Bouillon oder Knabbern von Salzgebäck.

Essen Sie in dieser Zeit, was ihnen beliebt ist. Fast automatisch ist dies eine leichte, fettarme Kost. z.B. als Brotwerte: Haferschleimsuppe, Zwieback, Knäckebrot, als Obstwerte: Fruchtsaft, Kompott, geraffelte Äpfel oder Bananen

Dr. med. K. Scheidegger aus D-Journal (1996)
 

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