Depression und Diabetes
Wer kennt Sie nicht – die Momente, in denen wir uns einsam und niedergeschlagen fühlen und auf nichts freuen können. Es ist, als hätte man eine Brille aufgesetzt, die alles grau erscheinen lässt. Solche Gemütszustände gehören zu den normalen Hochs und Tiefs des Lebens und sind eine normale, gesunde Art auf negative Erfahrungen, Verluste, Enttäuschungen oder Belastungen zu reagieren. Erst wenn dieser Zustand über mehrere Wochen oder Monate anhält spricht man von einer ernsthaften Erkrankung: der Depression. (Kulzer)
Depressionen: Doppelt so häufig bei Diabetes
Bei Menschen mit Diabetes tritt diese Erkrankung häufig auf, im Vergleich zur Normalbevölkerung leiden sie etwa doppelt so häufig an Depressionen. Das gleichzeitige Auftreten von Diabetes und Depression bedingt eine schlechtere Stoffwechseleinstellung. Wer depressiv ist, befolgt die therapeutischen Empfehlungen schlecht, vernachlässigt das Blutzuckermanagement sowie seine Gewichtskontrolle und ist insgesamt mit der Behandlung eher unzufrieden. Dies betrifft Menschen mit Typ 1- oder Typ 2-Diabetes in gleicher Weise, bei Frauen treten Depressionen häufiger auf als bei Männern.
Zusammenhänge zwischen Diabetes und Depression
Die Ursachen für den Zusammenhang zwischen Diabetes und Depression sind unklar. Es wird beispielsweise über eine genetische Verknüpfung beider Erkrankungen spekuliert oder über die Auslösung einer Glukosetoleranzstörung durch depressionsabhängige Stoffwechselprozesse. Folgende Zusammenhänge zwischen den beiden Erkrankungen konnten in Studien belegt werden:
- Lebensqualität: Generell findet sich in allen Studien ein enger Zusammenhang zwischen dem Grad der Depression und der subjektiv erlebten Lebensqualität bei Diabetikern.
- Stoffwechsellage: Mehrere Studien ergaben, dass beim gemeinsamen Auftreten von Diabetes und Depressionen die Diabeteseinstellung schlechter war als bei Vergleichspersonen ohne Depression. Wurde die Depression behandelt wurde eine Tendenz zur Verbesserung der Stoffwechsellage beobachtet.
- Folgeerkrankungen: Patienten mit diabetesbedingten Folgeerkrankungen zeigen eine höhere Rate von Depressionen als Patienten ohne Folgeerkrankungen.
- Gesundheitskosten: Die Gesundheitskosten von Menschen mit Diabetes und Depression sind gegenüber Personen ohne Depression deutlich erhöht.
Woran erkennt man eine Depression?
Zu den wichtigsten Anzeichen einer Depression zählen unter anderem Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen und Schlafprobleme. Viele Menschen denken, bei einer Depression sei man vor allem traurig. Das Traurigsein ist aber eher eine gesunde Reaktion auf erlebte Verluste. Häufig geht einer Depression ein belastendes Ereignis als Auslöser voraus, die Reaktion ist aber beim depressiv Erkrankten unverhältnismäßig. Entscheidendes Kriterium zur Diagnose einer Depression ist die Länge und Intensität der depressiven Verstimmung. Im Folgenden sind einige Anzeichen, die auf eine Depression schließen lassen, aufgeführt. Depressionen können sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise äußern, einige Beschwerden können auch durch andere Erkrankungen verursacht werden.
- Traurige Stimmung, mit dem Gefühl von tiefer Niedergeschlagenheit, Mut- und Hoffnungslosigkeit
- Verminderte Antriebs- und Entscheidungsfähigkeit
- Vermindertes Denk- und Konzentrationsvermögen
- Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle
- Verlust von Interessen und Freude an Aktivitäten
- Veränderte Mimik
- Mangelnde Fähigkeit, gefühlsmäßig zu reagieren
- Angstgefühle
- Schlafstörungen
- Appetitlosigkeit
- Keine Lust auf Sex
Ein Teil der Symptome kennen viele Diabetiker auch vom Diabetes. Denn typische depressive Symptome wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, verminderter Appetit können auch die Folge einer schlechten Blutzuckereinstellung sein.
Was tun?
Bei Anzeichen einer Depression sollte der Diabetiker sich an seinen Hausarzt wenden, der meistens den Patienten und sein persönliches Umfeld am besten kennt. Man sollte sich nicht schämen zum Arzt zu gehen, denn es handelt sich bei Depressionen nicht um persönliches Versagen, sondern um eine zwar ernsthafte, aber gut zu behandelnde Erkrankung. Mit der richtigen Therapieform können rund 80% der Erkrankten erfolgreich behandelt werden. Voraussetzung dafür ist jedoch eine frühzeitige Diagnosestellung, die richtige Therapie und die Bereitschaft des Patienten, sich auf die Behandlung einzulassen.
Es ist davon auszugehen, dass bei etwa 50% der Diabetiker die Depressionen nicht vom behandelten Arzt erkannt werden und ein noch größerer Teil der Patienten nicht ausreichend behandelt werden.
Therapie von Depressionen
Die Therapie von Depressionen kann mit antidepressiven Psychopharmaka oder Psychotherapie erfolgen. Dabei schließen sich die beiden Möglichkeiten nicht aus; bei schweren Formen ist es durchaus sinnvoll die schlimmsten Symptome pharmakologisch zu beeinflussen und gleichzeitig oder später parallel mit einer Psychotherapie zu beginnen. Wird die Depression erfolgreich behandelt geht eine verbesserte Blutzuckereinstellung dieser Patienten damit einher.
Bei den Antidepressiva handelt es sich um Medikamente, die den Gehirnstoffwechsel regulieren und die depressiven Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen schwächen. Heute stehen eine ältere Generation von Antidepressiva (zum Beispiel trizyklische Antidepressiva) und eine neuere Generation (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder SSRI) zur Verfügung. Die SSRI haben geringere Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel und weniger Nebenwirkungen als ältere Antidepressiva. Aufgrund des Einflusses dieser Medikamente auf den Blutzuckerspiegel kann aber eine Anpassung der Insulintherapie notwendig werden. Ein Suchtpotential haben Antidepressiva nicht.
Die Psychotherapie durch anerkannte psychologische oder ärztliche Psychotherapeuten wird als Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Therapie angeboten. Die Wirksamkeit dieser Therapien ist durch viele Studien bewiesen.
Antidepressive Verhaltensweisen
Selbsthilfe allein ist bei Depressionen selten ausreichend, sie kann aber zur Verringerung der Probleme führen und Erfolge stabilisieren. Wenn Menschen mit Diabetes versuchen, sich selbst zu helfen, besteht jedoch die Gefahr, dass sie Wege einschlagen, die sie in eine immer tiefere Depression bringen. In Tabelle 1 sind hilfreiche und nicht hilfreiche Handlungen für die Selbsthilfe aufgelistet.
Was bei Depressionen oft hilft
- Sich beschäftigen
- Etwas machen, was einem Spaß macht
- Etwas unternehmen, um auf andere Gedanken zu kommen
- Freunde treffen
Was bei Depressionen selten hilft
- Herausfinden, was einen depressiv macht
- Sich in die Depression hineinbegeben und sie aushalten
- Etwas essen
- Fernsehen
- Zeitung lesen
- Sich über etwas ärgern
- Die augenblickliche Lage im richtigen Verhältnis betrachten
- Versuchen so zu handeln, als ob man sich nicht depressiv fühlt
- Routinetätigkeiten ausführen
Interessanterweise wirkt auch Diabetiker-Schulung per se antidepressiv. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung bei 245 Diabetikern. Unmittelbar nach der Schulung hatte sich die Depressionsrate um 20% reduziert. Gut geschulte Patienten seien zuversichtlicher, ihren Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu können.
Zusammengestellt von Elke DIETRICH
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